Telemedizin in der Kardiologie: Mehr Sicherheit, bessere Versorgung — Ein Interview mit Prof. Dr. Gunnar Klein
Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen und komplexe Begleiterkrankungen prägen den klinischen Alltag vieler kardiologischer Praxen. Digitale Versorgungsmodelle eröffnen neue Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten früher, enger und strukturierter zu betreuen. Im Gespräch erläutert Prof. Dr. med. Klein, mit welchen Beschwerden Betroffene in seine Praxis kommen, welche Rolle Telemonitoring heute spielt – und wie Lösungen wie inCareNet HF die Versorgung, Kommunikation und den ärztlichen Alltag nachhaltig verändern.
Über die Person
Prof. Dr. med. Gunnar Klein studierte Humanmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo er auch promovierte, und absolvierte seine Facharztweiterbildung für Innere Medizin und Kardiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Als langjähriger Leiter der Rhythmologie und Elektrophysiologie der MHH (2005–2011) sowie außerplanmäßiger Professor gilt er national wie international als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Elektrophysiologie und interventionellen Kardiologie. Seit 2012 ist er geschäftsführender Partner der Gemeinschaftspraxis Herz im Zentrum Hannover und besitzt DGK-Zertifizierungen für interventionelle Kardiologie sowie spezielle Rhythmologie. Prof. Klein ist europaweit als Clinical Expert for Pacing, Defibrillation and Resynchronization anerkannt, engagiert sich in zahlreichen kardiologischen Fachgesellschaften und zählt seit vielen Jahren zu den prägenden Stimmen in der Rhythmologie durch seine wissenschaftliche Arbeit, Publikationen und regelmäßige Lehr- und Vortragstätigkeit.
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Foto: (c) Prof. Gunnar Klein, Herz im Zentrum
SEMDATEX: Herr Prof. Dr. med. Klein, mit welcher Art von Beschwerden kommen Patient:innen in Ihre Praxis? Gibt es bestimmte Risikogruppen oder typische Begleiterkrankungen, die Sie bei Ihren Patient:innen häufig beobachten?
Prof. Dr. med. Gunnar Klein: Die Patienten stellen sich in meiner Praxis überwiegend mit Luftnot, Schmerzen im Brustkorb oder Palpitationen – also Herzrasen oder ausgeprägtem Herzklopfen – vor. Den Beschwerdebildern liegen in der Regel eine Herzinsuffizienz, eine koronare Herzerkrankung oder verschiedene Formen kardialer Rhythmusstörungen zugrunde, sowohl supraventrikuläre Tachykardien als auch komplexere Arrhythmien. Häufig finden sich zudem relevante Begleiterkrankungen, die das kardiovaskuläre Risiko maßgeblich beeinflussen: arterielle Hypertonie, chronische Niereninsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Hyperlipidämie sowie Adipositas. Nicht selten tritt auch ein Diabetes mellitus hinzu. Diese Komorbiditäten prägen das klinische Bild und sind für unsere diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen von zentraler Bedeutung.
Seit 2022 ist die telemedizinische Versorgung von Patient:innen mit Herzinsuffizienz in Deutschland per G-BA Beschluss offiziell in die Regelversorgung aufgenommen worden. Welche Veränderungen und Möglichkeiten haben sich dadurch in der kardiologischen Behandlung ergeben? Welche Verbesserungen sind für Patient:innen eingetreten?
Die Einführung der telemedizinischen Versorgung in die Regelversorgung 2022 war ein wichtiger Schritt. Wir wissen aus jahrzehntelanger Forschung, dass Telemonitoring die Behandlung von Patient:innen mit Herzinsuffizienz deutlich verbessern kann. Heute können wir wichtige Parameter – etwa Herzfrequenz oder Episoden von Vorhofflimmern – kontinuierlich überwachen und früh erkennen, wenn sich ein Problem abzeichnet. Dadurch können wir schnell reagieren, die Medikation anpassen oder die Patient:innen direkt kontaktieren, sobald es zu einer Schwellenwertüberschreitung kommt, bzw. bevor es zu einer Verschlechterung des Zustands kommt. Für die Betroffenen selbst bedeutet das vor allem mehr Sicherheit und weniger Krankenhausbesuche. Sie bleiben gut angebunden, ohne ständig in die Praxis kommen zu müssen. Viele fühlen sich dadurch im Alltag entlastet und insgesamt besser betreut.
Sie arbeiten mit inCareNet HF. Welche Erfahrungen haben Sie aus ärztlicher Sicht dabei in der Betreuung von Patient:innen mit Herzinsuffizienz gemacht? Wie hat sich ihr Arbeitsalltag dadurch verändert?
Mit inCareNet HF hat sich mein Arbeitsalltag spürbar verändert. Zunächst prüfen wir bei Patienten mit Herzinsuffizienz, ob sie die Kriterien des G-BA-Beschlusses erfüllen. Wenn das der Fall ist, erläutern wir den Ablauf und binden sie in das telemedizinische Netzwerk ein. Im Alltag bedeutet das: Wir schauen täglich in die Plattform, prüfen gegebenenfalls Alarme – so genannte Schwellenwertüberschreitungen – und entscheiden, ob ein Rückruf oder eine Anpassung der Therapie notwendig ist. Dadurch wird die Betreuung der Patienten deutlich strukturierter und proaktiver. Wichtig ist auch, dass medizinische Fachangestellte oder Pflegekräfte eingebunden werden. Sie unterstützen mich und behalten ebenfalls die Plattform im Blick. Insgesamt entsteht so eine engmaschige, verlässliche Versorgung, die sowohl für uns als Team als auch für die Patient:innen einen echten Mehrwert bietet.
Wie verändern digitale Lösungen wie inCareNet HF die Kommunikation zwischen Hausärzt:innen, Fachärzt:innen und Patient:innen – zum Beispiel bei Medikationsanpassungen oder anderen therapeutischen Entscheidungen – und wo sehen Sie dabei den größten praktischen Nutzen?
Digitale Lösungen wie inCareNet HF wirken sich positiv auf die Beziehung von Kardiologe zu Patient aus. Meine Herzpatienten wissen, dass ihre Werte regelmäßig eingesehen werden und jemand im Hintergrund alles im Blick hat. Spätestens beim Rückruf spüren sie, dass tatsächlich aktiv auf ihre Situation reagiert wird. Das schafft eine bemerkenswert enge Vertrauensbasis und stärkt die therapeutische Beziehung. Was die Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen betrifft, muss man realistisch sagen: Dort hat sich bislang wenig verändert. Viele Hausärzt:innen sind aktuell nicht in das telemedizinische Netzwerk eingebunden. Der größte praktische Nutzen zeigt sich mir eher in der direkten, kontinuierlichen Betreuung der Patienten durch das kardiologische Team.
Wie reagieren die Patient:innen auf die digitale Betreuung mit inCareNet HF, welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Ich betreue seit vielen Jahren Patienten mit Defibrillatoren und Schrittmachern telemedizinisch und konnte die meisten problemlos in inCareNet HF überführen. Nach dem anfänglichen organisatorischen Aufwand läuft die Betreuung sehr stabil. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv: Die Patienten fühlen sich sicherer, weil sie wissen, dass wir ihre Werte im Blick haben und uns bei Auffälligkeiten sofort melden. Nur wenige – etwa drei bis fünf Prozent – lehnen die Teilnahme ab, meist aus Unsicherheit oder falschen Vorstellungen. Die große Mehrheit fühlt sich jedoch sehr gut betreut, was auch unsere Arbeit erleichtert.
Wie viele Patient:innen betreuen Sie digital?
Derzeit betreuen wir über 130 Patient:innen in inCareNet HF. Dabei handelt es sich überwiegend um Träger von kardialen Devices, etwa Schrittmachern oder CRT-Systemen. Alle Patient:innen leiden an einer Herzinsuffizienz, meist mit einer Ejektionsfraktion unter 40 %. Das Kollektiv verändert sich naturgemäß: Einige Patient:innen stabilisieren sich und können aus dem Telemonitoring entlassen werden, andere verlieren wir leider im Verlauf ihrer langjährigen Erkrankung. Insgesamt liegt die Zahl jedoch konstant bei etwa 130 Patient:innen, im Durchschnitt im Alter von 75-80 Jahren.
Können Sie sich vorstellen, dass diese Patient:innen dafür offen wären, über eine DiGA oder eine andere digitale Gesundheitslösung tägliche kleine Impulse oder Inspirationen zu erhalten – etwa kurze Erinnerungen, die dazu motivieren, sich etwas mehr zu bewegen?
Das halte ich grundsätzlich für eine sehr sinnvolle Ergänzung. Derzeit erhalten die Patient:innen nur dann eine Rückmeldung, wenn wir sie aktiv anrufen – ein System mit kleinen täglichen Impulsen gibt es so noch nicht. Ich bin überzeugt, dass auch 70- oder 80-Jährige mit einer entsprechenden digitalen Anwendung gut umgehen können. Wichtig ist lediglich, dass man es nicht überlädt und die Funktionen einfach und überschaubar hält. In dieser Form kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Patient:innen solche motivierenden Hinweise annehmen und davon profitieren würden.
Diese menschliche Komponente entfällt ohnehin nicht, denn derzeit sind diese telemedizinischen Versorgungsmodelle noch hybrid –
Ja, das stimmt. Die Sorge, dass der Arzt überflüssig und durch eine KI ersetzt würde, bestand aber schon vor 15 Jahren. Diese Sorge hatte ich nie. Im Gegenteil, die Patienten fordern den persönlichen Kontakt auch ein, denn sie wollen auch, dass man persönlich auf ihre Werte blickt und sich bei Ihnen meldet – also bleibt da in jedem Fall ein persönlicher Kontakt zwischen Arzt und Patient bestehen.
Wie sieht das bei der psychologischen Komponente aus?
Die psychologische Komponente spielt eine sehr große Rolle. Viele Menschen haben bereits vor der Diagnose, aber besonders danach, Schwierigkeiten, damit umzugehen – gerade weil eine so schwere Diagnose das Leben nachweislich verkürzt. Das kann zu depressiven Verstimmungen oder anderen psychischen Belastungen führen, und auch die Angehörigen sind davon stark betroffen. Wenn eine Person leidet, leiden oft mehrere mit. Auch wenn Angehörige formal nicht mitbetreut werden können, zeigt sich in der Praxis, wie wichtig deren Einbindung ist. Oft gehen bei telefonischen Rückfragen nicht die Patienten selbst ans Telefon, sondern zum Beispiel die Ehepartner. In solchen Gesprächen können Hinweise zum Medikamentenplan oder zur Alltagsaktivität ausgesprochen hilfreich sein. Auch wenn der Datenschutz hier enge Grenzen setzt, zeigt der Alltag, dass die Einbindung des Umfeldes eine wichtige Rolle spielt.
Wie kann digitale Patientenbetreuung zur Prävention von Herzkrankheiten beitragen? Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Nachsorge von Patient:innen durch digitale Lösungen?
Digitale Patientenbetreuung kann enorm zur Prävention von Herzkrankheiten beitragen, weil sie Menschen im Alltag sehr viel früher erreicht als die klassische Versorgung. Ein zentraler Baustein ist die Förderung körperlicher Aktivität – hier können digitale Lösungen motivieren, erinnern und Fortschritte sichtbar machen. Ebenso wichtig ist die Ernährung: Viele wissen grundsätzlich, was gesund ist, aber digitale Programme können dieses Wissen konkretisieren, neue Erkenntnisse vermitteln und so zu nachhaltigeren Entscheidungen führen. Darüber hinaus ermöglichen digitale Tools die Überwachung wichtiger Risikofaktoren wie Blutdruck, Lipide oder Herzrhythmus. Ein EKG zu Hause aufzuzeichnen und direkt weiterzuleiten, schafft Sicherheit und erlaubt eine frühe Einschätzung.
Insbesondere die zunehmende Verbreitung von Wearables – etwa Uhren oder andere körpernah getragene Geräte – zeigt, dass diese Technologien längst nicht mehr ausschließlich von Leistungssportlern oder Fitnessbegeisterten genutzt werden. Heute sind derartige Anwendungen in weiten Teilen der Bevölkerung etabliert…
Das ist richtig. Gerade die zunehmende Verbreitung moderner Wearables – von klassischen Lifestyle-Geräten bis hin zu medizinisch zertifizierten Lösungen – hat dazu geführt, dass Rhythmusstörungen deutlich häufiger erkannt werden als früher. Vieles davon wurde früher schlicht nicht detektiert. Das ist heutzutage ein enormer Vorteil: Nutzer:innen solcher Wearables können beobachten, wie oft Ereignisse auftreten und ob Handlungsbedarf besteht.
Welche Chancen sehen Sie für die Nachsorge?
Für die Nachsorge eröffnen digitale Lösungen große Chancen. Sie ermöglichen eine kontinuierliche Begleitung, ohne dass Patient:innen permanent in die Praxis kommen müssen. Wiederkehrende Messungen zu Hause – ob Herzrhythmus, Blutdruck, Gewicht, Sauerstoffsättigung oder Laborwerte – helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. So lassen sich etwa familiäre Hypercholesterinämien oder Blutdruckprobleme häufiger identifizieren als bislang. Gleichzeitig entsteht ein besseres Verständnis dafür, welche Rolle Genetik, Lebensstil und Umwelteinflüsse jeweils spielen. Insgesamt stärken digitale Präventions- und Nachsorgeprogramme die Eigenverantwortung der Patient:innen und erleichtern eine engmaschige, aber alltagsnahe Betreuung – ein entscheidender Schritt hin zu einer modernen Herzmedizin mit Hilfe von Telekardiologie.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell bei der Implementierung digitaler Lösungen in der kardiologischen Praxis?
Digitale Lösungen bieten enorme Chancen, doch es gibt noch Bereiche, in denen wir präziser werden müssen. Dazu gehört vor allem die Qualität der Alarme: Viele Systeme melden aktuell sehr kurze Rhythmusereignisse, die klinisch kaum relevant sind. Eine feinere Individualisierung sowie eine höhere Spezifität würden hier deutlich entlasten und den Blick stärker auf das wirklich Wichtige lenken. KI wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie kann EKG-Befunde vorselektieren, Normvarianten herausfiltern und Auffälligkeiten gezielt hervorheben. Nur so lässt sich die Masse an Daten effizient bewerten, ohne dass Ärzt:innen unzählige unauffällige Befunde durchsehen müssen.
Eine weitere zentrale Herausforderung bleibt die Integration der Systeme. Digitale Lösungen müssen nahtlos in bestehende Abläufe und IT-Strukturen passen, sonst erzeugen sie mehr Aufwand als Nutzen. Und schließlich muss die Vergütung fair und nachhaltig sein, damit eine flächendeckende Implementierung digitaler Lösungen dauerhaft gelingt.
Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie für die telemedizinische Versorgung von Herzpatient:innen in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf immer genauere KI-Lösungen im medizinischen Bereich? Was muss sich für eine bessere Patient:innenversorgung möglichst rasch ändern?
Für die telemedizinische Versorgung von Herzpatient:innen in Deutschland sehe ich vor allem dann große Zukunftschancen, wenn wir die Systeme konsequent erweitern. Ein zentraler Punkt sind die Komorbiditäten: Herzinsuffizienz steht selten für sich allein, und deshalb müssen telemedizinische Lösungen künftig deutlich stärker auch metabolische Faktoren, Diabetes, Lipidwerte und z.B. Nierenfunktion berücksichtigen. Zudem werden neue Biomarker und kostengünstige Home-Testing-Lösungen immer relevanter. Sie ermöglichen es Patient:innen, beispielsweise Lipidwerte unkompliziert selbst zu bestimmen und ihre Therapie besser zu verstehen und zu steuern. Das schafft Transparenz, stärkt die Adhärenz und entlastet gleichzeitig die Versorgung. Auch die psychische Gesundheit spielt bei herzkranken Menschen eine zentrale Rolle. Viele Patient:innen erleben nach einer schweren Diagnose eine enorme emotionale Belastung. Digitale Unterstützungsangebote – etwa Chatbots oder telepsychiatrische Interventionen – können hier wichtige Hilfestellung bieten. Entscheidend ist, solche Module sinnvoll in bestehende telemedizinische Strukturen einzubetten, damit frühzeitig erkannt wird, wenn Patient:innen Unterstützung benötigen. So kann Telemedizin nicht nur körperliche, sondern auch psychische Stabilität fördern.
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Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!